Häufig gestellte Fragen
Psychose:
Verursacht Cannabiskonsum Psychosen oder Schizophrenien?
Antworten:
Lousia Degenhardt & Wayne Hall
Es gibt eine beachtliche Diskussion über die Gründe der Beziehung zwischen Cannabiskonsum und Psychosen, sowohl in klinischen als auch in allgemeinen Bevölkerungsgruppen. Unter den vorgeschlagenen Hypothesen, die zur Erklärung dieser Beziehung vorgeschlagen wurden, befinden sich die Folgenden: 1) gemeinsame Faktoren erklären das gemeinsame Auftreten; 2) Cannabis verursacht Psychosen, die bei fehlendem Cannabiskonsum nicht aufgetreten wären; 3) Cannabis beschleunigt Psychosen bei Personen, die anfällig für die Entwicklung dieser Störungen sind; 4) Cannabiskonsum verschlechtert oder verlängert Psychosen bei denen, die diese Störung bereits entwickelt haben; und 5) dass Personen mit Psychosen wahrscheinlicher gewohnheitsmäßige oder problematische Cannabiskonsumenten werden als Personen ohne Psychosen. (…)
Die Befunde legen nahe, dass gemeinsame Faktoren nicht das gemeinsame Auftreten von Cannabiskonsum und Psychosen erklären, und es ist unwahrscheinlich, dass Cannabiskonsum eine Psychose bei Personen verursacht, die die Störung sonst nicht entwickelt hätten. Die Befunde stehen eher in Übereinstimmung mit der Hypothese, dass Cannabiskonsum Psychosen unter anfälligen Personen beschleunigt, das Risiko für einen Rückfall unter jenen vergrößert, die die Störung bereits entwickelt haben, und wahrscheinlicher zur Abhängigkeit bei Personen mit Schizophrenie führen könnte. (…)
Wenn Cannabiskonsum neue Psychosen verursachen würde, dann würde die Häufigkeit der Schizophrenie zunehmen so wie die Häufigkeit des Cannabiskonsums in der risikobehafteten Altersgruppe zugenommen hat. Weil es eine dramatische Zunahme in der Häufigkeit des Cannabiskonsums in Australien gegeben hat, sagt diese Hypothese eine Zunahme von Psychosen bei jüngeren Geburtskohorten voraus. Eine Verringerung des Alters der ersten Cannabiskonsums innerhalb dieses Zeitraums sagt zudem eine Zunahme von früh auftretenden Psychosen voraus. Degenhardt und Kollegen untersuchten diese Hypothese durch Modellierung von Trends der Anzahl von Personen mit Psychosen in Australien, weil die Häufigkeit von gewohnheitsmäßigem Cannabiskonsum zugenommen hat. Die Befunde legen nahe, dass es innerhalb der vergangenen 30 Jahre keine signifikante Zunahme des Auftretens von Schizophrenie in Australien gegeben hat, was nahe legt, dass der zugenommene Cannabiskonsum nicht kausal mit dem Auftreten der Schizophrenie verbunden war. (…)
Eine Anzahl von Studien hat untersucht, ob das Alter des Psychose-Beginns sich in Abhängigkeit vom Cannabiskonsum unterscheidet. In einer Studie mit Fällen, die über einen Zeitraum von einem Jahr in psychiatrische Krankenhäuser eingewiesen worden waren, waren Cannabiskonsumenten signifikant jünger als Nichtkonsumenten - mittleres Alter von 29 Jahren beziehungsweise von 40 Jahren. (…) Eine andere Studie untersuchte die Erstepisoden-Fälle von Psychosen nach dem "Drogenmissbrauchsstatus", definiert als die Verwendung illegaler Drogen mehr als einmal pro Woche für mindestens einen Monat. Psychose-Fälle mit Drogenmissbrauch in der Vorgeschichte hatten wahrscheinlicher Cannabis konsumiert verglichen mit jenen ohne eine solche Vorgeschichte (88 % gegenüber 13 %). Sie berichteten zudem viermal wahrscheinlicher über die ersten Zeichen einer Schizophrenie vor dem 20. Lebensjahr. Der Beginn des Substanzmissbrauchs ging dem Beginn der Schizophrenie in 60 % voraus oder trat im gleichen Monat auf. Diese Daten stehen in Übereinstimmung mit einer Beschleunigung der Erkrankung bei diesen Personen durch Cannabiskonsum.
(…) Zusammengefasst gibt es nun deutliche Befunde, nach denen Personen mit einer Anfälligkeit für Schizophrenie in der Folge des Konsums von Cannabis ein höheres Risiko für die Entwicklung einer Psychose haben. (…)
Es gibt einige Befunde, nach denen Personen mit Schizophrenie, die Cannabis konsumieren, wahrscheinlicher einen Rückfall erleiden. Diese Hypothese sagt keine erhöhte Häufigkeit der Schizophrenie bei gewohnheitsmäßigen Cannabiskonsumenten voraus. Es sagt vielmehr voraus, dass Personen mit einer Psychose, die gewohnheitsmäßige Cannabiskonsumenten sind, wahrscheinlicher einen Rückfall erleiden, was möglicherweise die Anzahl der Personen mit einer chronischen Schizophrenie erhöht. (…) Linszen und Kollegen berichteten von einer prospektiven Studie zum Verlauf von 93 psychotischen Patienten, der monatlich über den Zeitraum eines Jahres beurteilt wurde. Die 24 Patienten, die Cannabis konsumierten (11 waren wöchentliche und 13 waren tägliche Konsumenten), erlitten früher einen Rückfall mit psychotischen Symptomen und hatten häufigere Rückfälle im Beobachtungsjahr, verglichen mit Patienten, die kein Cannabis konsumiert hatten. (...) Zusammengefasst gibt es deutliche Hinweise, nach denen gewohnheitsmäßiger Cannabiskonsum die Prognose von Personen mit Schizophrenie verschlechtert. (...)
Der wichtigste psychoaktive Inhaltsstoff von Cannabis ist Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC), das an einem spezifischen Cannabinoidrezeptor (CB1) im Gehirn wirkt. Obwohl das dopaminerge System des Gehirns historisch betrachtet als wichtig für psychotische Störungen angesehen wird, gibt es zunehmende Befunde, nach denen das Cannabinoidsystem an der Schizophrenie beteiligt sein und mit psychotischen Störungen in Beziehung stehen könnte. Beispielsweise zeigen Mäuse ohne Cannabinoidrezeptoren Verhaltensweisen, die mit einigen Symptomen der Schizophrenie in Übereinstimmung stehen. Zudem wurden erhöhte Spiegel von Anandamid, ein körpereigenes Cannabinoid, in der Gehirnflüssigkeit von Personen mit Schizophrenie gefunden, und eine jüngere Fall-Kontroll-Studie hat gefunden, dass Personen mit Schizophrenie eine größere CB1-Rezeptordichte in der Stirnhirnrinde aufwiesen als Kontrollpersonen. (...)
Schlussfolgerungen: Die verfügbaren epidemiologischen Befunde unterstützen die folgenden Schlussfolgerungen: 1) dass Cannabiskonsum und Psychosen in klinischen Stichproben und Stichproben aus der allgemeinen Bevölkerung miteinander verbunden sind; 2) die Beziehung wahrscheinlich nicht auf gemeinsamen Ursachen oder anderen Einflussfaktoren beruht; 3) die Zeittrends bei Schizophrenie und Cannabiskonsum sich nicht in Übereinstimmung mit der Theorie befinden, dass Cannabiskonsum eine Schizophrenie verursacht, die beim Fehlen des Cannabiskonsums nicht aufgetreten wäre; 4) es demgegenüber wahrscheinlich ist, dass Cannabiskonsum Störungen bei anfälligen Personen fördert und Symptome der Psychose bei jenen verschlechtert, die mit dem Konsum fortfahren; 5) Personen mit Schizophrenie und anderen Psychosen werden möglicherweise häufiger gewohnheitsmäßige Konsumenten, wenn sie Cannabis konsumieren; und 6) sich die auftauchenden Befunde zur Rolle des Cannabinoidsystems bei psychotischen Symptomen in Übereinstimmung mit den epidemiologischen Befunden stehen, nach denen Cannabiskonsum Psychosen beschleunigen und verschlimmern kann.
Modifiziert nach: Degenhardt L, Hall W. Cannabis and psychosis. Curr Psychiatry Rep 2002;4(3):191-196.
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Luis Núñez
Ich möchte die Veröffentlichung von Lousia Degenhardt und Wayne Hall kommentieren und ergänzen, dass innerhalb der vergangenen zehn Jahre einige Artikel zur Existenz einer eigenen Cannabis-Psychose veröffentlicht wurde. Diese Psychose wird im DSM-IV-Manual (Diagnostisches und statistisches Manual für mentale Störungen) als "Cannabis-induzierte psychotische Störung" bezeichnet. Diese Artikel beschreiben die wichtigsten Charakteristika dieser Psychoseform und die Unterschiede zur paranoiden Schizophrenie. Nach dieser Forschung müssen wir die Cannabis-Psychose als eine neue Erkrankung betrachten, mit eigenen Charakteristika, die sich vom akuten Cannabisrausch unterscheidet. Es wird angenommen, dass die Häufigkeit gering ist (1 - 2 % der Cannabiskonsumenten), aber diese Form der Psychose könnte der erste Schritt zur Entwicklung einer Schizophrenie sein, wenn der Betroffene den Konsum nicht einstellt.