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IACM-Informationen vom 08. August 1998

Wissenschaft: ICRS-Symposium des Jahres 1998 zu Cannabinoiden

Etwa 185 Mitglieder der ICRS (Internationale Gesellschaft für Cannabinoid-Forschung) und weitere Interessierte trafen sich zu ihrem achten jährlichen Symposium vom 23. bis 25. Juli in La Grande Motte, Frankreich. Die ICRS wurde 1991 als Internationale Gesellschaft für Cannabis-Forschung gegründet und hatte sich 1995 in Internationale Gesellschaft für Cannabinoid-Forschung umbenannt. Ihr gehören die meisten Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen an, die sich mit dem Thema Cannabis und den Cannabinoiden befassen.

An drei Tagen bewältigten die Teilnehmer ein umfangreiches Programm von insgesamt etwa 75 Kurzvorträgen von jeweils 15-minütiger Dauer. Daneben wurden auf etwa 50 Poster weitere Forschungsergebnisse vorgestellt. Der weitaus größte Teil bestand aus zell- und tierexperimentellen Forschungsergebnissen.

Die Themen der Tagung waren Cannabinoid-Rezeptoren und Endocannabinoide, Wirkungen der Cannabinoide auf das Immunsystem, auf das Gehirn, auf das hormonelle System und die Fortpflanzung, Abhängigkeit und Toleranzbildung, Schmerz, therapeutisches Potential und anderes. Ein Teil der vorgestellten Beiträge wurde in den vergangenen Monaten bereits in Fachzeitschriften publiziert, wie etwa die Beobachtung eines nervenschützenden Effekts von THC und CBD nach Schlaganfall und Hirntrauma (siehe ACM-Informationen vom 11. Juli 1998) oder die Beschreibung der peripheren Schmerzbeeinflussung durch körpereigene Cannabinoide (siehe ACM-Informationen vom 25. Juli 1998).

Als neuer ICRS-Präsident wurde Prof. Raphael Mechoulam von der hebräischen Universität in Jerusalem/Israel gewählt. Er wird Dr. Roger Pertwee von der Universität Aberdeen/Großbritannien nachfolgen.

Wissenschaft: Marihuana bei Querschnittslähmung

Amerikanische Forscher stellten beim ICRS-Symposium in Frankreich eine anonyme Umfrage unter Patienten mit Querschnittserkrankungen, die Cannabis konsumierten, vor. Sie hatten einen zehnseitigen Fragebogen mit 35 Fragen und einer Anzahl Unterfragen entwickelt. Über die amerikanische Allianz für Cannabis-Therapeutika (ACT) wurden 190 standardisierte Fragebögen verschickt, von denen 106 gültig ausgefüllte Bögen die Basis für die Auswertung bildeten.

87% der Antwortenden waren männlich und 13% weiblich mit einem Altersduchschnitt von 40 Jahren (Altersspanne: 18 bis 61 Jahre). 73% waren vollständig oder überwiegend an einen Rollstuhl gebunden. In 66% bestand der Grund der Behinderung in Querschnittsverletzungen, in 13% in Querschnittsverletzungen und anderen Ursachen. In 22% lag eine andere Ursache vor. Alle Patienten hatten verschiedene Schmerzmedikamente und antispastische Medikamente genommen und viele berichteten von mangelnder Wirksamkeit oder Nebenwirkungen dieser Präparate.

Die Antwortenden rauchten seit durchschnittlich 12 Jahren Marihuana, im Durchschnitt 4 Marihuanazigaretten am Tag, bevorzugt, wenn sie es zur Symptomlinderung brauchten. 70% rauchten Marihuana neben ihrer übrigen muskelentspannenden oder schmerzlindernden Medikation. 82% berichteten von einer Verschlechterung der Symptome, wenn sie den Cannabiskonsum einstellten.

Eine positive Beeinflussung durch Marihuana wurde in 99% bis 70% der Patienten berichtet (in absteigender Reihenfolge) bei Krämpfen in den Beinen, den Armen und der Harnblase, bei Schmerzen in den Muskeln, bei Phantomschmerzen, Kopfschmerzen, Harndrang und bei Lähmungserscheinungen. In weniger als 70% wurden gebessert: Fehlfunktion der Harnblase, Fehlfunktion des Darms, Schwäche und Parästhesien (Kribbeln, Mißempfindungen). "Diese Ergebnisse zeigen, daß Patienten mit Verletzungen des Rückenmarks spezifische therapeutische Gründe für das Rauchen von Marihuana haben," heißt es in dem Kurzbericht.

Diese Untersuchung folgt einer ähnlichen Befragung unter Patienten mit multipler Sklerose, die bereits im letzten Jahr publiziert worden war (siehe ACM-Informationen vom 6. September 1997).

(Quelle: Consroe, P., et al.: Reported marijuana effects in patients with spinal cord injury. 1998 Symposium on the Cannabinoids, Burlington, Vermont, International Cannabinoid Research Society, S. 64.)

Großbritannien: Forschung mit inhaliertem Cannabis soll im nächsten Jahr beginnen

Etwa zwei Dutzend Patienten sollen im nächsten Jahr im Rahmen einer Phase I-Studie zur Ermittlung der geeigneten Dosierung und eventueller Nebenwirkungen Cannabis inhalieren. In den folgenden Jahren sind großangelegte Studien zur Untersuchung seiner arzneilichen Qualitäten geplant. Sie werden von GW Pharmaceuticals durchgeführt, eine Firma die mit Erlaubnis des britischen Innenministeriums Cannabis für medizinische Zwecke anbaut.

Die Inhalation soll nicht durch Rauchen erfolgen, sondern durch speziell entwickelte Inhalatoren. Patienten in der Pilotstudie werden voraussichtlich Menschen mit multipler Sklerose, Querschnittslähmung und Phantomschmerzen sein, bei denen der Effekt auf Krämpfe und Schmerzen beobachtet werden soll. Einige sollen erfahrene Marihuanakonsumenten sein, andere sollen die Droge zum ersten Mal verwenden.

Die verwendeten Pflanzen sollen hohe Mengen an THC (Delta-9-Tetrahydrocannabinol) und CBD (Cannabidiol) enthalten. In einem gut bewachten, an einem geheimen Ort im Süden Englands gelegenen, 4 Millionen englische Pfund teuren Gewächshaus von GW Pharmaceuticals wachsen etwa 20.000 Cannabis-Pflanzen heran und stehen kurz vor der Blüte.

Am 27. Juli sagte Dr. Geoffrey Guy, der Leiter von GW Pharmaceuticals, vor einem Komitee des Oberhauses des Parlaments aus. Er favorisiere zur Zeit die Inhalation mittels eines Gerätes, "etwas zwischen einem Aerosol und einem Zerstäuber." Es gebe allerdings auch Patienten, die sagten, daß die Wirkung länger anhalte, wenn sie Cannabis essen.

Guy hofft, die erste Lizenz für ein Cannabis-Medikament in fünf Jahren zu erhalten. Bis dahin werde GW Pharmaceuticals etwa 10 Millionen Pfund Sterling in die Cannabis-Forschung investiert haben. Er hat auch in die holländische Firma HortaPharm BV investiert, die die größte "lebende Bibliothek" von Marihuana-Pflanzen in der Welt besitzt.

Auch Vertreter des Innenministeriums sagten vor dem Komitee des Oberhauses aus und erklärten, Gesprächsrunden mit Experten einzuberufen, um die Verfahren zur Lizensierung für die arzneiliche Cannabis-Forschung zu diskutieren. Dabei werde es beispielsweise um die Probleme der Standardisierung von Cannabis sowie um stichhaltige Forschungsmethoden gehen. Vertreter des medizinischen Forschungskomitees (Medical Research Council) erklärten, man ziehe ein besonderes Verfahren für klinische Forschung in Erwägung.

Das Innenministerium erklärte, daß man für den Fall des Nachweises des Nutzens von Medikamenten auf Cannabis-Basis sowie der Vermarktungserlaubnis durch die Kontrollbehörde für Medikamente (MCA, Medicines Control Agency) bereit sei, das bestehende Gesetz zu verändern, um die Verschreibung eines solchen Medikamentes zu erlauben.

(Quellen: PA vom 27. Juli 1998, Guardian vom 28. Juli 1998, British Medical Journal vom 1. August 1998)

Kurzmeldungen

Neuseeland:
Der Beauftragte für psychische Gesundheit des Gesundheitsministerium, Dr. Nick Judson, berichtete vor einem Komitee des Parlaments, daß Cannabis weniger Gesundheitsgefahren verursache als Tabak und Alkohol. Das Komitee führt eine Untersuchung über die psychischen Effekte von Cannabis durch und wird dem Parlament und der Regierung Bericht erstatten. Judson sagte, daß Menschen, die gelegentlich Marihuana konsumierten, allenfalls geringe gesundheitliche Probleme hätten. Langzeitige und starke Konsumenten könnten unter leichten kognitiven Beeinträchtigungen leiden. Die Forschung habe nicht gezeigt, daß Cannabis Gehirnstrukturen schädige. Cannabis verursache keine Schizophrenie, könne jedoch die Erkrankung triggern. Dr. John Marks, Leiter einer Drogen- und Alkoholforschungsstelle, erklärte, daß Cannabiskonsum keinen ernsthaften Schaden verursache. Eine Vielzahl von Studien hätten sämtlich Cannabis entlastet. Zudem habe es einen therapeutischen Wert bei einer Anzahl schwerer Erkrankungen.
(Quellen: NZ Herald vom 30. Juli 1998, Evening Post vom 30. Juli 1998, The Dominion vom 30. Juli 1998)

Deutschland:
Der Nachweis des Konsums von Cannabis, Heroin, Morphin, Kokain, Amphetaminen und Designerdrogen im Blut von Autofahrern kann seit dem 1. August mit einem Bußgeld bis zu 3.000 DM und einem Fahrverbot von bis zu drei Monaten bestraft werden.
Pressemeldungen, nach denen diese Strafen drohten, wenn man "beim Autofahren unter Drogeneinfluß erwischt" werde, ist für Cannabis unzutreffend. Da im Blut chronischer Cannabiskonsumenten wegen der langen terminalen THC-Plasmahalbwertszeit von 20 bis 30 Stunden regelmäßig THC im Blut nachgewiesen werden kann, sagt sein Nachweis nichts über einen aktuellen Drogeneinfluß aus. Das Gesetz hat in der vorliegenden Form daher für Cannabis nichts mit einer Erhöhung der Verkehrssicherheit zu tun. Es erreicht nicht die Unvernünftigen, die sich berauscht ans Steuer setzen, da es für die Blutkonzentration nicht sehr erheblich ist, ob vor der Autofahrt oder am Vortag zuletzt konsumiert wurde. Das Gesetz zielt eher auf eine generelle Verunsicherung der Cannabiskonsumenten.
Ausgenommen vom Gesetz sind Patienten, die ein ärztlich verordnetes Medikament bestimmungsgemäß eingenommen haben. Dies gilt auch für das THC-Präparat Marinol.
(Quellen: dpa vom 28. Juli 1998, Kölnische Rundschau vom 10. Juli 1998, Kommentar von Dr. Franjo Grotenhermen)

Deutschland:
Die für den 29. August in Berlin geplante Hanfparade ist durch eine Verordnung des Berliner Bürgermeisters Eberhard Diepgen (CDU) in Gefahr. Nach dieser Verordnung soll es keine kommerziellen Veranstaltungen mehr vor dem Brandenburger Tor geben. Die Organisatoren vermuten einen gezielten Angriff gegen die Großveranstaltung Hanfparade'98, deren Abschlußveranstaltung dort stattfinden soll. Diepgen werte die Abschlußveranstaltung als "Mischveranstaltung" mit kommerziellem Charakter, während die Loveparade als politische Demonstration gelte. Auch die Taz vermutet, daß es hier nicht um den Kommerz geht, sondern um das Berlin-Image. Bei Veranstaltungen mit deutlichem kommerziellem Charakter gebe es keine Probleme.
(Quellen: Presseerklärung des Bündnis Hanfparade vom 4. August 1998, Die tageszeitung vom 4. August 1998)

USA:
Die Wähler von Nevada und dem Staat Washington werden in diesem Herbst in einem Volksbegehren darüber entscheiden, ob Marihuana für medizinische Zwecke legalisiert werden soll. Dies erklärten offizielle Vertreter beider Staaten, nachdem ausreichend Unterschriften eingereicht worden waren. Die Washingtoner Initiative 692 und der Vorschlag aus Nevada zielen beide darauf ab, Schwerkranke von den Strafen auszunehmen, die normalerweise mit dem Besitz von Marihuana verbunden sind.
Zuvor war bereits bekanntgegeben worden, daß auch in Alaska und Oregon am 3. November vergleichbare Abstimmungen stattfinden werden.
(Quellen: NORML vom 6. August 1998, Los Angeles Times vom 31. Juli 1998)

Großbritannien:
Am 5. September findet in London ein internationales Symposium mit dem Titel "Regulating Cannabis - Options for control in the 21st Century" (Die Regulierung von Cannabis - Möglichkeiten für eine Kontrolle im 21. Jahrhundert) statt, veranstaltet vom Lindesmith Center/USA und Release/Großbritannien. Die Konferenz bringt führende Experten aus Politik, Justiz, Drogeninstitutionen und Wissenschaft aus EURopa, Australien und Nord-Amerika zusammen. Untersucht werden jüngere Erfahrungen und mögliche Optionen zur Regulierung der populärsten illegalen Droge. Informationen und Kontakt über Mireille Jacobson vom Lindesmith Center (mjacobson@sorosny.org) oder Vicki Charles von Release (info@release.org.uk).
(Quelle: Lindesmith Center)

Kanada:
Stephen Jay Gould berichtete vor einem Gericht in Toronto von seiner Erfahrungen mit der Anwendung von Marihuana, das ihm bei der Chemotherapie das Leben gerettet habe. Gould ist ein bekannter Professor für Geologie. Er erhielt zahlreiche wissenschaftliche Auszeichnungen und schrieb mehrere Bücher, die zu Bestsellern wurden. Er gehört zu den wenigen Menschen, die dank Operation, Bestrahlung und mehrjähriger Chemotherapie einen als unheilbar geltenden Krebs, ein abdominelles Mesotheliom, überlebt haben. Gold ist einer von einer Anzahl von Patienten, die am 5. August vor Gericht aussagen, im Rahmen eines Prozesses, bei dem Jim Wakeford, ein 53jähriger Aids-Patient das Recht, Marihuana als Teil seiner medizinischen Behandlung verwenden zu dürfen, einklagt. Zu den gehörten Experten zählt auch Prof. Lester Grinspoon von der Harvard-Universität in Boston/USA.
(Quelle: Ottawa Citizen vom 5. August 1998)

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